Wie mit Belastungen umgehen?

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Je größer die Belastungen, desto mehr polarisieren sich die Reaktionen: aushalten, Klappe halten, durchziehen VS. Greifen nach der ultimativen Heilmethode. So kommt nun Flow wieder ins Gespräch. Was hat es damit auf sich?

Flow und Trance

Eine weitere Möglichkeit bei zunehmen­den Belastungen zu handeln, bietet ein be­stimmtes Schwingungs- und Verschal-tungsmuster des Gehirns, das auch bei Tie­ren vorkommt, die in Gruppen handeln. Sportler die den Bewegungsablauf, den sie trainieren, genießen und sich unter Belas­tung wohlfühlen, kennen diesen Zustand als angenehmes Flow-Gefühl. Im Flow ver­liert sich die Empfindung für Zeit, und der Gedankenfluss an alles außerhalb der Be­wegung verebbt. Handwerker und Künst­ler erleben Gewandtheit, wenn Sie sich von ihrer Wahrnehmung mit einem Werkzeug oder einem Werkstoff zu einer harmo­nischen Bewegungseinheit verbinden. Nimmt die Leistungsanforderung zu (z.B. nach Überwindung der Erschöpfungspha­se beim Marathonlauf), gehen Flow und Gewandtheit in eine konzentrierte Trance über. Die Fähigkeit zu individuellem, ra­tionalem, innovativem Denken wird dann vorübergehend ausgesetzt („Trance-Lo­gik“ Merö), und es wird das an Hand­lungsmustern ungehindert abgespult, was im Rahmen erlebter Erfahrung eintrai­niert wurde. Fühlen und Schmerzempfin­den werden gedämpft.

In einer Gemeinschaftstrance tritt das Ich-Gefühl gegenüber dem der Gruppe oder der Aufgabe zurück. Das Gehirn öffnet sich für Suggestionen der Alpha-Person, die sich auskennt, und der jetzt (ggf. be­dingungslos) gefolgt werden muss. Das ist dann günstig, wenn der Verantwortliche (Schichtleiter, Bergführer, Kapitän) die Übersicht behält, also nicht selbst in einen Trancezustand verfällt.

Kämpfen und Fliehen

Wenn alle genannten Lösungsstrategien nicht helfen und nicht zu den gewünsch­ten Resultaten geführt haben, müssen schließlich alle verfügbaren Reserven mo­bilisiert werden, um die Belastungen zu bewältigen: entweder mit allen Mit­teln „Gegen-etwas-an“-Kämpfen oder da­vor Zurückweichen, jeweils ohne Rück­sicht auf Verluste. Diese „Stress“ genannte Primitivreaktion stammt entwicklungs­geschichtlich aus der Zeit der Dinosaurier. Die Stressreaktion ist zwar noch nicht so schnell wie ein Reflex („Finger von der Herdplatte zurückziehen“), aber kommt dieser Geschwindigkeit schon sehr nahe. Wenn der Ingenieur unter Stress handelt, weil er z.B. übermüdet ist oder sich über­fordert fühlt, wird es kritisch: nicht unbe­dingt für ihn, sicher aber für die Anlage. Gehirn und Körper werden mit Alarm­botenstoffen überschwemmt, sein Denken und Fühlen abgeschaltet, die Weltsicht ver­ändert sich röhrenartig („Tunnelblick“). Der Körper wird maximal für Grobmoto­rik aktiviert und beruhigende Impulse werden unterbunden. Dieser Zustand des „Augen zu und durch“ zieht über kurz oder lang Kollateralschäden nach sich: bei ihm selbst, bei anderen oder bei dem Ma­terial mit dem er arbeitet. So werden Belastungen nicht bewältigt.

Um aus dieser scheuklappenartigen, linea­ren Art des „Vor oder Zurück“ heraus­zufinden, braucht es Zeit, um den Körper wieder wahrzunehmen, Sicherheitsgefüh­le zu entwickeln und schließlich neue Möglichkeiten zu entdecken.

Paradoxerweise ist die Stressreaktion selbst bei lebensbedrohenden Katastro­phen gänzlich unnötig. Stress schränkt die Handlungsmöglichkeiten ein und vermin­dert die Effizienz aktiver Bewegung.

Und nichts von dem, was andere tun oder was gerade geschieht, stresst uns: sondern wir stressen uns selbst, d.h. greifen unbe­wusst zu einem wenig geeigneten Verhal­tensmuster, obwohl uns in jeder Situation effektivere Mittel zur Verfügung stehen würden. Um diese wahrnehmen zu kön­nen, muss aber immer zuerst die Stress­reaktion durch innere oder äußere Kom­munikation beruhigt werden.

Einfrieren, Zusammenbruch: sich totstellen

Wenn schließlich auch Angreifen oder Fliehen nicht mehr möglich sind, kommt es nach einer krampfartigen Dauer­anspannung irgendwann zum Kollaps. Für Schildkröten ist diese Strategie nützlich: unter Wasser den Kopf einziehen und den Kreislauf solange auf nahe null einregu­lierten, bis die Gefahr vorübergezogen ist. Für Säugetiere und insbesondere für Men­schen ist dagegen der Zusammenbruch nach einer maximalen Stressaktivierung extrem gefährlich, weil ein hochaktives Gehirn keine Drosselung der Zufuhr von Zucker und Sauerstoff folgenlos überste­hen kann. Auch zahlreiche Körperrhyth­men, insbesondere die des Herzens, des Verdauungstraktes und des Immunsys­tems werden im Zusammenbruch nach­haltig gestört. Das Modewort „Burn out“ umreißt den Zustand sehr unscharf. Präzi­ser sind die Bezeichnungen für Stress-Fol­gekrankheiten: Herzinfarkt, Immunstö­rungen, Magengeschwüre, chronische Er­schöpfung und Depression u.v.a.

Schlussfolgerung

Stresssituationen oder noch schlimmer die Ignorierung offensichtlicher Probleme sind hochriskant für den Unternehmenserfolg. Ingenieure und Manager müssen daher trainieren, wie in schwierigen Situationen der Kopf hellwach und klar und der Kör­per entspannt bleibt.

 

Wie kann ein solches  „Management von Belastungen“ trainiert werden?

Sicherheit, Effektivität und Effizienz der Leistung sowie der resultierende Un­ternehmenserfolg sind untrennbar mit der Qualität menschlicher Leistung verbun­den. Gerade unter starker Belastung muss klar-strukturiert und dennoch flexibel-entspannt gehandelt werden können. Die­se Fähigkeiten sind trainierbar.

Jedes Unternehmen hat unterschiedliche Bedarfe, Besonderheiten und Sorgen, die erkannt und abgewogen werden. Durch strukturierte Befragungen, in Planungs­workshops oder Coachings könnten Be­darfe priorisiert, Ideen entwickelt werden, um die Unternehmenskultur sinnvoll wei­terzuentwickeln. Vielleicht müssen auch strukturelle Voraussetzungen geschaffen werden, damit in unsicheren Situationen entspannt und sicher gehandelt werden kann. Im Ergebnis solcher Planungspro­zesse können ganz unterschiedliche Trai­ningsbedarfe auftauchen. Kommunikation, insbesondere die Kom­munikation in Konflikten: Die Art wie Menschen miteinander in Beziehung tre­ten, hat eine zentrale Bedeutung für die Ef­fizienz der Arbeit und führt dazu, dass Ri­siken sehr schnell erkannt werden, bevor sie sich zu Problemen auswachsen. Das Trainieren wirksamer Kommunikation ist die Grundvoraussetzung für effektives Be­lastungsmanagement.

Vorbereitung auf ungewöhnliche Situa­tionen -Interkulturelle Kommunikation: Vor Entsendungen ins Ausland kann die Einstellung zu Neuem positiv beeinflusst werden: Es wird weniger bedrohlich emp­funden und erscheint in einem interessan­ten persönlichen Bezug. Das Auswendig­lernen von Verhaltensregeln ist wenig effi­zient. Wichtiger ist die Entwicklung eines Grundverständnisses, um daraus abzulei­ten, wie das Sammeln neuer Erfahrungen wirksam und risikolos gestaltet werden kann.

Umgang mit komplexen Situationen – die optimale Nutzung beider Großhirn-hälften: In unserer Kultur sind wir bemüht ist, Komplexität konsequent einfach auf etwas Kompliziertes, Steuerbares zu redu­zieren („Problembär erschlagen“). Nicht­lineare Beziehungen unscharf begrenzter Systeme in negativen und positiven Feed-backschleifen, sind uns suspekt. Plötzlich, nach langen Phasen der Stabilität können sie aus scheinbar nichtigem Anlass, eigen­dynamisch Merkwürdigkeiten entwickeln: wie ein Schwerguttransport, der auf der Autobahn, zuerst kaum merkbar, zu vi­brieren und zu schlingern beginnt.

Ein kompetenter Umgang mit eigendyna­mischen Systemen oder komplexen Situa­tionen erfordert nüchternes und klares Denken, am besten gegründet auf Selbst­bewusstsein und Erfahrung. Kompetenz ist hier also genau das Gegenteil von dem, was sich manche unter komplexem Han­deln vorstellen: „… einem Bauchgefühl folgen“. Optimal an komplexe Situationen angepasstes Handeln kann sogar kontra-intuitiv sein, z.B. hellwach auf eine Gefah­renquelle zugehen, um sie, mit ihrer Dyna­mik gut verbunden, wirksam lenken zu können.

Gewandtheit, Flow, Aufmerksamkeits-fokussierung – den 4-Wheel-Drive des Gehirns nutzen

Gerade unter hohen Belastungen sind scheinbar von selbstablaufende Alltags­phänomene, bei denen das Zeitgefühl ver­schwindet, von großer Bedeutung. Gerade dann, wenn „draußen der Sturm“ tobt, ist die Kompetenz nötig, sich quasi im Auge des Sturms mitbewegen zu können. Flow und Gewandtheit können trainiert wer­den.

Emotionale Intelligenz – die optimale Nutzung des Zwischenhirns

Wer Emotionen und Gefühle erkennt, ver­steht und in ihrem Körperausdruck wahr­nimmt, kann sie in der Kommunikation nutzbringend und wirksam einsetzen. Be­wusstsein ist mit emotionaler Bewertung untrennbar verbunden und reflexhaft mit Bewegungsmustern verschaltet. Wer diese elementare und weltweit nahezu identische Sprache versteht, hat im Umgang mit Menschen die größten Erfolgschancen und geht zugleich die geringsten Risiken ein.

Mit Stress umgehen – das Stammhirn verstehen, optimal einstellen, Fehlein­stellungen lösen

Aus dem Verständnis der Stressreaktion er­geben sich die Lösungsstrategien, die meist damit beginnen, die Bordinstrumente wahrzunehmen, die den inneren Zustand anzeigen. Damit die Meldungen der Be­dürfnisse von Körperzellen ins Bewusst­sein vordringen können, müssen andere Anteile beruhigt werden: das Denken und die fühlende Bewertung des Gedachten. Eine Stress-Akutreaktion kann sich bei Gesunden in Sekundenbruchteilen lösen, auch wenn der Sturm der Stresshormone und die Verspannungen anschließend noch länger nachklingen werden.

Das Stammhirn, das essentielle Steuerkrei­se regelt, versteht keine Worte. Es ist daher einfacher, diese Organfunktion körperlich zu beeinflussen: z.B. durch Training von Aufmerksamkeit und Gewahrsein im Rah­men entspannender Bewegung.

“Things get worse under pressure.” (Bloch)

Der vollständige Artikel, erschienen im „Sicherheitsingenieur“

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